Kunststück Innovation - RKW Sachsen Jahrestagung am 14. Juni 2006

Prof. Dr. Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft

In Zeiten der Globalisierung und des beschleunigten Wandels entscheidet die Innovationsfähigkeit über die Zukunft der Unternehmen. Doch das erfordert professionelles Wissensmanagement, die Förderung von Kreativität, eine auf Innovationen ausgerichtete Unternehmenskultur und nicht zuletzt die nötige finanzielle Basis. Möglichkeiten, wie sächsische KMU Innovationen erfolgreich managen und finanzieren können, zeigt die Jahrestagung des RKW Sachsen am 14. Juni in Diskussionsforen auf. Und warum gerade der Mittelstand über besonderes Innovationspotenzial verfügt, beweißt Prof. Dr. Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofergesellschaft, in seinem Referat zur Tagung. Vorab stand er dem RKW Sachsen exklusiv im Interview zur Verfügung.

RKW Sachsen: Prof. Bullinger, Sie sprechen vom Kunststück Innovation. Was verstehen Sie darunter und wozu brauchen wir Innovationen?

Prof. Dr. Bullinger: Der inspirierende Gedanke, die zündende Idee, diese ersten zehn, zwanzig Prozent eines Innovationsprozesses, das alles ist tatsächlich schwer planbar. Auch die beste Idee muss sich erst gegen das Bewährte durchsetzen. Die Chancen zu scheitern sind groß. Wenn Innovation glückt, erscheint das häufig als „Kunststück“. Es ist aber eine Kunst, die man erlernen kann.

Die einstige Fortschritt-durch-Technik-Hochburg Deutschland im Reform- und Innovationsstau - sehen Sie das auch so?

Ganz so schlimm, wie oft geredet und geschrieben wird, ist es um die Innovationskraft Deutschlands noch nicht bestellt. Sie ist immer noch sehr groß. Doch entscheidend ist, wer aus den Ideen als erster marktfähige, verkaufbare Produkte macht. Eine Erfindung wird erst zur Innovation, wenn sie erfolgreich in den Markt eingeführt ist. Eine solche Umsetzung erfordert methodisches Vorgehen in den Unternehmen, den planvollen Umgang mit Wissen, strukturiertes Innovations- und Technologiemanagement, aber auch Mut. Das „Erfinden“ allein ist nicht genug. Als zum Beispiel in einem Institut der Fraunhofer-Gesellschaft die MP3-Technologie entwickelt wurde, konnten wir keine deutsche Firma gewinnen, mit dieser Technik innovative Produkte auf den Markt zu bringen - weil kein Unternehmen das Risiko eingehen wollte. Doch ich habe den Eindruck, dass hier langsam ein Einstellungswandel stattfindet.

Ist Automatisierung da ein weiterer Ausweg aus der Kostenfalle?

Automatisierung darf nicht allein als Verkürzung der Hauptzeiten in der Fertigung verstanden werden. Denken Sie auch an die Potenziale, die bisher in Dienstleistungsprozessen und im Bereich der „geistigen Rüstzeiten“ noch unausgeschöpft sind und brach liegen. Die Beschleunigung der Prozesse setzt eine durchgängige und effiziente Kommunikation mit elektronischen Medien voraus - die digitale Fabrik. Die Optimierung der Kommunikationswege und intensive Vernetzung mit Kunden und Lieferanten muss doch unter den gleichen Zielgrößen erfolgen wie die Organisation des Materialflusses und der Produktionsplanung. Konzepte des Electronic Business, wie eCommerce und Supply-Chain-Management, bilden die Grundlage für umfassende und flexible Wertschöpfungsnetze. Kostendruck versus Qualitätsdenken - im Zweifel sollte die Entscheidung sicher für die Qualität fallen.

Wie schlägt sich dies im Unternehmenserfolg nieder?

Qualität ist ein Zeichen der inneren Einstellung zur Arbeit. Das Markenzeichen „Made in Germany“ hat weltweit einen deutlich besseren Ruf als wir das im eigenen Land glauben. Qualität muss aber für den Kunden erkennbar sein. Was nützen viele Sonderausstattungen, die der Kunde nicht nutzt und nicht wertschätzen kann. Daher ist es für Unternehmen besonders wichtig, sich mit Kundenwünschen intensiv zu beschäftigen, um mit höchster Priorität die Bedürfnisse der Kunden zu befriedigen und nicht nur nach dem technologisch Machbaren zu wetteifern. Deutsche Unternehmen können nur mit Produkten, die durch Qualität und Innovation herausragen, den höheren Preis erzielen, den sie brauchen. Mit Billigprodukten können wir gegen Niedriglohnländer nicht konkurrieren. Wir müssen bessere oder einzigartige Produkte herstellen, für die Kunden auch einen höheren Preis zu zahlen bereit sind.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Pressemeldung vom 20.06.2005

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