Industriespionage: Risiko für den deutschen Mittelstand – So schützen Sie sich vor Ausspähung, Spionage und Geheimnisverrat

Deutschen Unternehmen entsteht durch Industriespionage jährlich ein Schaden von ca. 2,8 Milliarden Euro, am häufigsten sind kleine

und mittelständische Firmen von Ausspähung und Geheimnisverrat betroffen, so die aktuelle „Studie: Wirtschaftsspionage“. In Seminaren

des RKW Sachsen erläutern die Autoren der Studie, wie man sich dagegen schützen kann.

Christian Schaaf (Foto: CORPORATE TRUST Business Risk & Crisis Management GmbH)

Die Ergebnisse dieser Studie verdeutlichen die massive Bedrohung der deutschen Wirtschaft durch Industriespionage. So hatte bereits fast jedes fünfte befragte Unternehmen einen nachweislichen Spionagefall im eigenen Unternehmen oder war von Informationsabfluss betroffen. Ein weiteres Drittel hegte einen Verdacht auf Spionage, der jedoch nicht ausreichend belegt werden konnte. Über 60% der betroffenen Unternehmen trugen einen finanziellen Schaden in der Höhe zwischen 10.000 bis über eine Million Euro davon, so dass hochgerechnet der deutschen Wirtschaft ein Schaden in Milliardenhöhe entsteht.

Geringes Risikobewusstsein

Technische Innovationen und Know-how bei Produktabläufen stehen im Fokus von Wirtschaftsspionage und Konkurrenzausspähung. Daher sind die entwicklungsintensiven Branchen Automobil, Luftfahrt, Maschinenbau sowie Eisen-, Stahl- und Metallverarbeitung am stärksten betroffen.

Und doch wird das Risiko von Industriespionage weithin unterschätzt, werden keine oder nur unzureichende Schutzmaßnahmen eingeleitet. Wirtschaftsspionage ist nicht mehr nur ein Betätigungsfeld der Geheimdienste, sondern im Falle der Konkurrenzausspähung zunehmend ein gebräuchliches Mittel, den Wettbewerber zu schädigen, sein Know-how abzuziehen und eigene Entwicklungskosten zu sparen. Fast 15% der betroffenen Firmen meldeten, dass ihre IT–Systeme bereits von einem eingeschleusten Spionageprogramm oder einem Hackerangriff betroffen waren. Unerwünschte Informationsabflüsse und Geheimnisverrat sind oft aber auch den Aktionen von Mitarbeitern oder einfach ihrer Unachtsamkeit zuzurechnen: Von den geschädigten Unternehmen stellte jedes fünfte den Verrat von Interna durch das eigene Personal fest.

Über mögliche Maßnahmen gegen unerwünschten Informationsabfluss hat die Redaktion des RKW Sachsen Wirtschaftsbriefes mit Christian Schaaf, einem der Autoren der Studie, gesprochen.

Redaktion: Industriespionage, das klingt dramatisch – ist sie tägliche Realität in deutschen Firmen?

Christian Schaaf: Ja, die Bedrohung durch Industriespionage hat sich in den letzten Jahren strukturell geändert. War Wirtschaftsspionage früher vor allem ein Betätigungsfeld der Geheimdienste, ist sie mittlerweile zu einem gebräuchlichen Mittel von Konkurrenten oder rachsüchtigen Mitarbeitern geworden.

Gerade die Konkurrenzausspähung der innovativen deutschen Firmen ist vor dem Hintergrund des weltweiten Kampfes um Marktanteile ein ständig wachsendes Problem. Und dabei ist die Schadensdimension noch nicht einmal ganz klar, da nach Angaben der betroffenen Unternehmen in unserer Studie nur in einem Viertel der Fälle die Behörden eingeschaltet wurden.

Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer an Spionagefällen ein?

Die tatsächliche Zahl an von Informationsabflüssen oder konkreter Wirtschaftsspionage respektive Konkurrenzausspähung betroffenen Unternehmen liegt vermutlich noch weitaus höher als die angegebenen rund 20 Prozent. Zum einen können nicht alle vermuteten Fälle ausreichend belegt werden, zum anderen verschweigen Firmen dies aus Angst vor wirtschaftlichem oder Reputationsschaden oder nehmen diese Fälle schlicht nicht richtig zur Kenntnis.

Das Thema wird also gewissermaßen tabuisiert, obwohl es eine reale Bedrohungslage für bundesdeutsche Unternehmen gibt?

Ja, so könnte man sagen. Und daher ist die Sensibilisierung für aktuelle Bedrohungssituationen und Angriffsformen auch so wichtig. Besonders in kleinen und mittleren Unternehmen scheint dies aber viel zu wenig stattzufinden, obwohl gerade hier die meisten Fälle von Wirtschafts- und Konkurrenzspionage stattfinden! Die großen Konzerne haben sich mittlerweile sehr gute Sicherheitsstrukturen aufgebaut und schützen sich umfangreich gegen ungewollten Informationsabfluss. Mittelständische Unternehmen mit ihrem innovativen Know-how und den oft zu laschen Sicherheitsvorkehrungen werden daher oft das Ziel entsprechender Angriffe. Das Problem liegt im Fehlen von ganzheitlichen Konzepten, mit denen sich Unternehmen gegenüber den unterschiedlichen Bedrohungen absichern können. So wird beispielsweise der Schutz gegen Informationsabflüsse manchmal nur als EDV-Problem betrachtet und dann werden Maßnahmen ergriffen, um die Firmenrechner gegen mögliche Hackerangriffe zu schützen. Dabei werden die Anforderungen an sichere Prozesse bei der Bedienung und Vorgaben für die Mitarbeiter beim Umgang mit sensiblen Informationen viel zu oft außer Acht gelassen. Die Empfehlung an alle Unternehmen kann hier nur lauten, dem menschlichen Faktor viel mehr Beachtung zu schenken.

Was können betroffene Unternehmen denn überhaupt tun, wenn sich eine akute Bedrohung abzeichnet?

Die Abwehr muss weit im Vorfeld der akuten Bedrohung mit der Sensibilisierung beginnen. In zweiter Linie ist wichtig, dass die Kenntnis über Methoden und Ziele der Angreifer erhöht wird, so dass fragwürdige Kontakte und Vorkommnisse z. B. bei Produktion oder Handel im Ausland oder im Umgang mit bestimmten Kontaktpersonen überhaupt richtig eingeordnet werden können. Der Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans Elmar Remberg, mit dem zusammen wir die Studie zur Industriespionage herausgegeben haben, fordert betroffene oder gefährdete Unternehmen auf, den Verfassungsschutz zu konsultieren. Die Verfassungsschutzbehörden stehen auch für Beratungsgespräche, insbesondere bei fragwürdigen Kontakten oder Vorfällen, zur Verfügung.

Welche Tipps können Sie Unternehmen geben, um sich präventiv gegen schädliche Informationsabflüsse zu schützen?

Kurz zusammengefasst:

  • Setzen Sie den Passwortschutz konsequent durch: Zwar ist Datensicherheit in vielen Firmen ein beachtetes Thema, Firewalls werden installiert – doch haben immer noch gut 27% keinen Passwortschutz auf allen IT-Geräten, zum Beispiel Computer oder Laptop.
  • Verstärken Sie den Abhörschutz, der in fast 60% der Firmen völlig vernachlässigt wird.
  • Gehen Sie gegen Geheimnisverrat mit dem Einschluss von Geheimhaltungsverpflichtungen in den Arbeitsverträgen vor und lassen Sie Mitarbeiter an sensiblen Positionen durch Background-Checks überprüfen. Hier geht es nicht um Generalverdächtigungen gegen Mitarbeiter, aber gerade im Bereich Personal werden momentan die präventiven Möglichkeiten nur unzureichend ausgeschöpft.
  • Definieren Sie Prozesse zum Schutz von Informationen nach Sicherheitsgesichtspunkten. Beispielsweise eine Clean-Desk-Policy: Danach verpflichten sich die Mitarbeiter, keine Unterlagen offen auf den Arbeitsplätzen liegen zu lassen, wenn sie diese kurz oder länger verlassen.

Ausführlich gehen wir auf Gefährdungen und Schutzmaßnahmen in unserem Seminar ein, das wir mit dem RKW Sachsen veranstalten.

Bei weiteren Fragen zum Thema bin ich Ihr Ansprechpartner:
Jürgen Zuschke
RKW Sachsen GmbH Dienstleistung und Beratung
Prokurist und Leiter geförderte Beratung
Tel.: 0351 8322-348
E-Mail: zuschke(at)rkw-sachsen.de

Seminar: Industriespionage – Risiko für die deutsche Wirtschaft

Dozenten: Christian Schaaf, Harald Steinbrucker
Zielgruppe: Unternehmer, Geschäftsführer, Vorstände und Führungskräfte
Aus dem Inhalt:

  • Aktuelle Bedrohungssituationen und Angriffsformen
  • Gefahr durch Social Engineering
  • Informationssicherheit auf Auslandsreisen
  • Aufbau eines ganzheitlichen Informationssschutzkonzeptes
  • Schutz gegen Hackerangriffe
  • Aufgaben eines Sicherheitsverantwortlichen

Termin: 18.03.2009, 9:00 – 17:00 Uhr
Ort: Schloss Wackerbarth, Sächsisches Staatsweingut GmbH,
Wackerbarthstraße 1, 01445 Radebeul
Kosten: 370 EUR (netto)

Information & Anmeldung: Ramona Laudel, E-Mail: wbildung(at)rkw-sachsen.de.

Artikel vom 04.02.2009

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