Familienfreundlichkeit in der sächsischen Wirtschaft weiter verankern

2. Konferenz der Sächsischen Allianz für Familie belegt: Kooperationen eröffnen effektive Wege dafür

Die Behr-Industry Reichenbach/Vogtland GmbH plant mit elf weiteren Unternehmen der Stadt die Errichtung eines Kindergartens. Damit soll für Mitarbeiter der beteiligten Firmen die Kinderbetreuung gesichert werden. Für das 2007 begonnene Vorhaben ist in diesem Jahr Baustart. In der Vogtlandgemeinde Adorf kooperieren derzeit zehn Unternehmen und die Mittelschule zum Thema Berufsorientierung. Der frühzeitige und konkrete Einblick in die Arbeitswelt hilft den Schülern, die richtigen Weichen für die berufliche Zukunft zu stellen, und den Unternehmen, motivierte Auszubildende und potenzielle Mitarbeiter zu finden.

Diese Beispiele sind zwei von vielen konkreten Kooperationen, die auf der 2. Konferenz der Sächsischen Allianz für Familie unter dem Motto „Mit Kooperation zu mehr Familienfreundlichkeit“ am 28. Januar in Chemnitz vorgestellt wurden. Rund 120 Teilnehmer aus ganz Sachsen nutzten die Veranstaltung zum Wissens- und Erfahrungsaustausch. Die vorgestellten Projekte zeigen, dass die Partner aus Wirtschaft, Politik, Vereinen und Verbänden schon wichtige Arbeit geleistet haben, um das Thema Familienfreundlichkeit in der sächsischen Wirtschaft zu verankern, betonte die Sächsische Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz, Christine Clauß, in ihrem Grußwort. Es sei jedoch notwendig, das Thema weiter „in die Fläche zu tragen“ und mit best-practise-Beispielen zur Nachahmung anzuregen.

Sofie Geisel, Projektleiterin des Unternehmensnetzwerkes „Erfolgsfaktor Familie“, beleuchtete das Thema aus bundesdeutscher Sicht und zollte Sachsen sowie den weiteren neuen Ländern großes Lob. Beim Thema Familienfreundlichkeit besitzen sie einen bedeutenden Vorsprung gegenüber Westdeutschland. Zu den Vorteilen eines familienfreundlichen Klimas in Unternehmen brauche man heute kaum noch zu argumentieren, vielmehr stehe die Frage im Raum, wie dieses am effektivsten zu erreichen sei. Das gemeinsame Engagement von Familien, Unternehmen sowie Bund, Ländern und Kommunen ist dafür unabdingbar. Solche Kooperationen gelingen, wenn alle Beteiligten einen Nutzen davon haben und wenn sich einer oder mehrere Verantwortliche kümmern, dass Ideen auch wirklich in die Tat umgesetzt  werden. „Das Grandiose ist: Wer einmal die Zusammenarbeit ‚geübt‘ hat, der wendet dieses Prinzip auch in anderen Bereichen an“, beschreibt Sofie Geisel den „Übersprungeffekt“.

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion bestätigten die genannten Kooperationsvoraussetzungen und –wirkungen aus ihrer unmittelbaren Praxis. Petra Meißner, Personalleiterin bei Behr-Industry, berichtete über das Werden und Wachsen des  eingangs genannten Kindergartenprojektes. Neben einem langen Atem gehören dazu die in einer Geschäftsordnung festgelegten Rahmenbedingungen der Zusammenarbeit sowie das Mittun der Kommune. Ähnliche Erfahrungen hat Barbara Sarx-Lohse gesammelt. Sie ist Mitinitiatorin einer Familienkrippe in Dresden und hat mit der eq GbR einen Dienstleister für den Unternehmensverbund gegründet, der alle Belange rund um die Krippe managt. Die erste Einrichtung öffnete am 1. Dezember 2009. Zwei Tagesmütter betreuen hier Kinder im Alter bis zu drei Jahren, für die ihre Eltern keinen Platz in einer Kindereinrichtung fanden. Unternehmen und Akteure des Lokalen Bündnisses für Familie Dresden haben dieses Projekt gemeinsam aus der Taufe gehoben.

Familienfreundlichkeit erschöpft sich bei weitem nicht in der Betreuung von Vorschulkindern. Genauso wichtig sind alle Fragen rund um die Pflege. Im Gegensatz zur Kinderbetreuung werden die Betroffenen meist sehr plötzlich und unvorbereitet mit diesem Thema konfrontiert, weiß Dr. Judith Oexle, Seniorenbeauftragte des Freistaates Sachsen. Das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz hat deshalb das Pflegenetz Sachsen installiert. Per Web oder Hotline erhalten Betroffene gebündelt alle notwendigen Informationen für den Umgang mit einem Pflegefall. Für Unternehmen gibt es das Angebot, die Website www.pflegenetz.sachsen.de mit ihrer eigenen Homepage zu verlinken, um die Mitarbeiter für das Thema zu sensibilisieren und im Ernstfall schneller handeln zu können.

Auch eine frühzeitige Berufsorientierung trägt zu zufriedenen Unternehmern und Mitarbeitern bei. Mariechen Bang, Bürgermeisterin von Adorf, hat am Unternehmensstammtisch erfahren, dass es den kleinen und mittleren Firmen im Ort immer schwerer fällt, geeignete Lehrlinge zu finden. Das brachte sie auf die Idee, Wirtschaft und Schule zusammen zu bringen. Jetzt finden regelmäßige Bildungsmessen und Berufsorientierungstage statt. Für die Schüler werden Praktikumsplätze in der einheimischen Wirtschaft bereitgestellt. All die Maßnahmen tragen bei, dass die Schüler sich rechtzeitig beruflich orientieren können und die Unternehmer motivierte Lehrlinge finden, aus denen einmal gut ausgebildete und zufriedene Mitarbeiter werden.

Kooperationserfahrungen ganz anderer Art vermittelte Prof. Detlev Müller von der IMM Gruppe Mittweida, einem Elektronikdienstleister, der von der Idee über Entwicklung und Fertigung bis zur Vermarktung elektronischer Geräte in den Marktsegmenten Technik, Gesundheit und Unterhaltung die gesamte Wertschöpfungskette beherrscht. In den eigenen Gesundheitszentren haben die Mitarbeiter die Möglichkeit, kostenfrei die in Kooperation mit Forschern und Medizinern entwickelten Fitness- und Rehabilitationsgeräte zu testen. Damit etwas für die eigene Gesundheit zu tun und gleichzeitig den Entwicklern Rückschlüsse zur Gerätegüte zu geben, sind wesentliche Effekte. „Mitarbeiterfreundlichkeit ist bei uns von Anfang an Bestandteil der Firmenphilosophie. Wir achten jedoch auf die Reihenfolge, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht“, betont Prof. Müller.

Dem Anstoßen von Innovationen und Kooperationen in der sächsischen Wirtschaft hat sich das Projekt „PERFEKT – Familienfreundliche Unternehmen in Sachsen“ verschrieben, das in Verantwortung der RKW Sachsen GmbH arbeitet. Projektleiterin Dr. Claudia Scholta verwies darauf, dass sich 2009 mehr als 1000 Teilnehmer in Workshops sowie weiteren Veranstaltungen für dieses Thema interessierten. „Wir möchten mit diesem und weiteren Projekten, u. a. zur strategischen Personalentwicklung, eine Lobby schaffen für den sächsischen Mittelstand, um ihn als attraktiven Arbeitgeber im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Gerade junge Menschen finden dort hochinteressante Arbeitsaufgaben und können schneller Verantwortung übernehmen als in Konzernbetrieben.“

Hintergrundinformation:
Die Konferenz der Sächsischen Allianz für Familie fand anlässlich des zweiten Jahrestages dieses Verbundes statt. Unter Leitung des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz bündeln hier Partner aus Wirtschaft und Politik ihre Kräfte für die bessere Vereinbarkeit beruflicher und familiärer Belange. Kooperationspartner der Konferenz waren das Projekt „PERFEKT – Familienfreundliche Unternehmen in Sachsen“ und das Unternehmensnetzwerk „ERFOLGSFAKTOR FAMILIE“.

„PERFEKT“ wurde vom Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz ins Leben gerufen und arbeitet in Trägerschaft der RKW Sachsen GmbH. Der Begriff steht für „PErspektive, Familie, Erfolg, Karriere, Team“. Ziel des Vorhabens ist es, sächsische Unternehmen für das Thema Familienfreundlichkeit zu sensibilisieren, Praxisbeispiele zu vermitteln und den Erfahrungsaustausch anzuregen.

Mit dem Unternehmensprogramm „ERFOLGSFAKTOR FAMILIE“ setzt sich das  Bundesfamilienministerium zusammen mit den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft (BDI, BDA, DIHK, ZDH) und dem DGB dafür ein, Familienfreundlichkeit zu einem Markenzeichen der deutschen Wirtschaft zu machen.

Kontakt u. weitere Informationen:
Dr. Claudia Scholta, Projektleiterin PERFEKT
Tel.: 0371-5347391
E-Mail: scholta(at)rkw-sachsen.de

Artikel vom 29.01.2010

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